Im Sommer titelte die Zeit mit der „Fake-Industrie“ und dem Problem eines globalen Milliardengeschäfts im Dunklen. Es liegt in der Natur der Sache, dass es über den Fälschungsmarkt nur Schätzungen gibt, doch die von der OECD publizierten 500 Mrd. US$ sind eine Größenordnung die aufhören lässt. Etwa 5% aller Waren, die in die EU importiert werden, sind Plagiate und das Problem wird größer. Es handelt sich bei weitem nicht um Kleinkriminalität. Schon 2013 betrug der Anteil von gefälschten Waren 2,5 Prozent des Welthandels, inzwischen sind es 3,3 Prozent, Tendenz ist steigend.

Wer annimmt, nur Luxusartikel und Markenkleidung wird dreist kopiert, der irrt gewaltig. Für den Negativ-Preis Plagiarius der im Jahr 1977 vom Designer Rido Busse ins Leben gerufen wurde, werden 2019 zum Beispiel nahezu identisch aussehende Plagiate eines Schrägsitzventils für Dampfanwendungen wie in der Textilindustrie „ausgezeichnet“. Wobei der Plagiator ein ganzes Produktprogramm des Originalherstellers kopiert hat. Ebenso wird eine elektrische Kühlmittelpumpe oder ein Schaltschrank-Heizgerät kopiert, auch Wälz- und Schrägkugellager einschließlich der markentypischen Verpackung. Aber die Kopisten beschränken sich längst nicht mehr auf unsichere Bauteile und minderwertige Komponenten. Der VDMA warnt in seiner Plagiatsstudie vor komplett kopierten Maschinen. So sind in Deutschland vor allem die Automobilwirtschaft (62% aller Plagiate) und der Maschinen- und Anlagenbau (48%) von der vorsätzlichen Verletzung ihres geistigen Eigentums betroffen. Plagiate sind ein Risiko für Bediener, Anwender und die Umwelt. Es sind schon Bremsbeläge aus Holz oder Kuhdung entdeckt worden, fehlerhafte Lenkungsysteme. Ein gefälschter Ölfilter kann Motorschäden von vielen Hundert oder Tausend Euro zur Folge haben. Sicherheitskritische Plagiatsfälle nehmen zu: Leistungsmodule von Zügen in Australien waren gefälscht und sind im Betrieb explodiert, und die Landebahnbeleuchtung eines Flughafens ist wegen Plagiat-Elektronik ausgefallen. Der Vertrieb von Kopien über B2B-Handelsplattformen hat stark zugenommen – knapp 40% aller Fälschungen werden heute online bestellt.

Gerade für Produktdesigner sind Plagiate ein großes Thema. Der Ulmer Designer Rido Busse entdeckte 1977 eine direkte Kopie der von ihm entwickelten Soehnle Brief-Waage eines asiatischen Herstellers auf der Frankfurter Frühjahrsmesse. Das war der Anstoß zur Schaffung der Negativ-Trophäe Plagiarius, um für das Thema Aufmerksamkeit zu schaffen. Prof. Busse wurde im Jahr 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement. Prof. Rido Busse und Plagiarius-Medienbeauftragte Christine Lacroix sind nun auch für die Dieselmedaille 2020 für die beste Medienkommunikation nominiert.

Das Fälschertum ist nach wie vor sehr lukrativ. Laut dem „International Institute of Research against Counterfeit Medicines“ (IRACM) erzielt die Menge Heroin, die sich für 1000 Dollar herstellen lässt, einen Gewinn von etwa 20.000 Dollar. Wer zu gleichen Produktionskosten Zigaretten fälscht, kann bis zu 43.000 Dollar Gewinn einfahren – und bei gefälschten Medikamenten sogar bis zu einer halben Million Dollar. Durch neue Technologien, wie den 3D-Druck wird es den Fälschern noch leichter gemacht unberechtigt Geld zu verdienen. Im 3D-Drucker kann vom Sportschuh bis zur Hüftprothese mit ein und derselben Anlage alles gedruckt werden. Die Warenwelt wird reproduzierbar, auch für Fälscher. Mit dem richtigen Datensatz lassen sich die Produkte überall auf der Welt herstellen. So werden ganze Industrien das Problem der Musik- und Filmbranche bekommen: Ihre Produkte können leicht und massenhaft kopiert werden, ganz ohne illegale oder illegal genutzte Fertigungslinien und unsichere, komplizierte Schmuggelwege am Zoll vorbei.

Wie man erfolgreich gegen Plagiate vorgeht kann man bei Swarovski lernen. Der Leiter IP, Leo Longauer hat dazu im MIPLM-Studiengang eine Dinner-Speech gehalten, wie Swarovski erfolgreich die Plattform Alibaba verklagt hat, sowie im Shenzen Louhu district Produktionseinrichtungen von Fälschern zerstören ließ. Die Durchsetzungsstrategie von Swarovski war auch Gegenstand des Graduiertenkollegs der Dieselmedaille 2019 bei Festo.